Herr Müller, ist unser Kanalsystem überhaupt noch leistungsfähig, um den Anforderungen durch Starkregenereignisse zu genügen?
Unser Kanalnetz ist vor dem Hintergrund von Starkregenereignissen in meinen Augen nicht primär zu betrachten. Zum einem können wir wirtschaftlich das Netz nicht für solche Ereignisse auslegen und zum anderen liegen die akuten Handlungsfelder in anderen Bereichen. Dies unterstreichen auch die aktuellen politischen Forderungen der Initiative Verantwortung Wasser und Umwelt, einer Initiative des BDB, die anlässlich der IFAT 2022 auf einer Pressekonferenz großes Echo fand. Durch die massive Zunahme von Starkregenereignissen sind zum Beispiel Abläufe punktuell überfordert. ACO Tiefbau arbeitet daher verstärkt an leistungsstarken Ablaufsystemen, die Niederschlagswasser im urbanen Raum besser und schneller ableiten. Damit können neuralgische Überflutungspunkte und Gefahrenstellen, beispielsweise Tunnel oder Unterführungen, entschärft werden.
Müssen hierbei nicht insbesondere auch Regelwerke oder Normen angepasst werden?
Auch in den aktuellen Fassungen von Normung und Regelwerken finden sich Hinweise darauf, wie bereits in der Planung Vorsorge getroffen werden kann. Auch in der gerade veröffentlichten Richtlinie für die Entwässerung von Straßen, RewS (vormals RAS-Ew), von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen wird darauf deutlich hingewiesen. So heißt es z. B. in den Planungsgrundsätzen „Eine flächenhafte Versickerung des Straßenoberflächenwassers ….ist anzustreben“. Aber unsere aktuellen Herausforderungen liegen ja im Bestand und insbesondere im urbanen Raum.
Welche Entwicklungen können denn helfen, gerade bestehende Hotspots bei Starkregenereignissen zu entschärfen?
Unsere speziellen Straßenaufsätze ermöglichen auch bei heftigem Regen eine erhöhte Betriebs- und Verkehrssicherheit von Straßen. Dazu haben wir Gussroste mit größeren Schlitzweiten und Einlaufquerschnitten entwickelt, speziell für den Einsatz mit hoher Schmutzbelastung durch Laub, Grünschnitt und Abfall sowie für überflutungsgefährdete Bereiche. Weiterhin haben wir mit der ACO Drain®Box alle Vorteile der Punkt- und Linienentwässerung systematisch vereint: Das Oberflächenwasser wird sowohl seitlich über die Einlauföffnungen der Hohlbordrinne als auch über den herkömmlichen Straßenablauf aufgenommen und entwässert. Das System, welches über einen Einlaufkasten miteinander verbunden ist, erhöht somit signifikant die hydraulische Leistungsfähigkeit. Durch diese 2-Wege-Drainwirkung verringert sich die Wasserspiegelbreite auf der Straße und es läuft gezielt bis zu 25 % mehr Wasser ab.
Wie aufwendig ist denn die nachträgliche Ertüchtigung von Straßenabläufen mit Ihrem System?
Einfacher, schneller und günstiger als Sie denken. Da auf Vorhandenem aufgebaut wird, wird mit geringem Aufwand eine oft große Wirkung erzielt. Der alte Kanal wird mit dem neuen Abfluss kombiniert. Der vorhandene Bordstein wird durch eine Hohlbordrinne ausgetauscht; der herkömmliche Straßenablauf wird vollständig ersetzt oder der vorhandene Boden nach DIN 4052 bleibt erhalten und mit einem Sanierungsadapter ertüchtigt. Die ACO Combipoint Ablaufteile aus Kunststoff übernehmen dann den Aufbau und Kopplung des Straßenablaufs.
Man sieht immer öfter einen Ablauf in der Mitte der Straße. Wie sinnvoll ist das?
Bei Neubaugebieten ist eine Straßenbauweise mit Muldenprofil sehr sinnvoll. Die Wasserführung wird hierbei linear in der Straßenmitte angeordnet und entwässert. Durch die Querneigung zur Mitte der Straße ergibt sich bis zu den Straßenrändern am Bord ein größerer potenzieller Retentionsraum. Straßen mit herkömmlichem Dachprofil umzurüsten ist allerdings kosten- und zeitintensiv. Klimaangepasstes Bauen heißt in Zukunft, statt herkömmlicher Lösungen neue Bauweisen anzuwenden.
Wie hoch ist die Bereitschaft von Kommunen, ihre Stadtplanung wassersensibel zu gestalten
Bisher haben die Kommunen eigentlich erst reagiert, wenn die Not am größten war. Nach vielen Starkregenereignissen mit beträchtlichen Schäden nimmt allerdings der Druck der Bevölkerung zu, in Maßnahmen gegen Überflutung zu investieren. Durch die Schaffung eines Starkregenrisikomanagements können beispielsweise Überflutungsgefährdungen analysiert werden und ganzheitliche Maßnahmen zur Überflutungsvorsorge erarbeitet werden.
Wie sieht denn eine ideale wassersensible Stadtplanung aus?
Kurz- bis mittelfristig durch die Entschärfung von Hotspots durch Ertüchtigung des Entwässerungssystems und das Schaffen von Rückhalte- und Retentionsvolumen, um die Wassermassen bei einem Starkregen aufzunehmen. Dafür haben wir zum Beispiel die Retentionsrinne Qmax entwickelt. Besonders clever ist es, wenn das Wasser anschließend genutzt wird, um beispielsweise in Hitzeperioden Grünflächen zu wässern und das Wasser so in seinen natürlichen Kreislauf zurückzugeben und zu einem besseren innerstädtischen Klima beizutragen. Dabei ist die Smartifizierung und digitale Kopplung der Systeme ein entscheidender Baustein. Langfristig müssen die Kommunen umdenken und mehr Sickerflächen für Wasser schaffen, wie etwa durch das Entsiegeln von Oberflächen, Begrünen von Dächern, technischen und konstruktiven Umbau wie abgesenkte Bordsteinkanten, um Oberflächenwasser gezielt in dafür vorgesehene tieferliegende Flächen abzuleiten.

Wie bringen Sie all die komplexen Anforderungen zusammen?
Als Innovationsführer haben wir die Systemkette schon zu Ende gedacht und einen modularen Baukasten für alle Anforderungen entwickelt, von der innerstädtischen Bushaltestelle über Brücken bis zum Autobahntunnel. Dabei steht für uns der Kreislaufgedanke im Vordergrund: Collect (sammeln von Wasser), Clean (reinigen), Hold (speichern/zwischenspeichern) und Reuse (Wasser gedrosselt dem Kanal zuführen oder kontrolliert versickern lassen als Nutz- oder Grundwasser). Oftmals können einfache Lösungen schon eine große Wirkung haben. Wie auch unsere Drain®Box. Sie wurde für den deutschen Innovationspreis nominiert, worüber wir uns sehr freuen und gespannt auf die Verleihung im Rahmen der kommenden InfraTech sind.